Kriseninterventions-Tage 2005: Belastende Einsätze machen oft die Helfer krank
Fachtagung "Krisenintervention und Stressverarbeitung" in Innsbruck - Wissenschaftler weisen Belastungsstörungen bei Einsatzkräften nach (Von Stefan Somweber/APA)
Innsbruck (APA) - Sie waren am Ort des Geschehens, als es galt, den verzweifelten Hochwasser-Opfern Mut zu machen und Augenzeugen und Angehörige nach dem Seilbahn-Unglück in Sölden zu betreuen: Die Kriseninterventions-Teams vom Roten Kreuz. Wie aber verarbeiten die Einsatzkräfte die erlebten Belastungen? Darum und um die gesundheitlichen Folgen geht es unter anderem bei den Kriseninterventions-Tagen 2005, die ab kommendem Freitag unter dem Motto "Krisenintervention und Stressverarbeitung" an der Universität Innsbruck stattfinden.
Die Universität und das Tiroler Rote Kreuz haben zum vierten Mal die mittlerweile über die Grenzen hinaus anerkannte Fachtagung organisiert, die sich an psychosoziale Helfer, Rettungs- und Hilfsorganisationen, mit Katastrophenschutz befasste Ämter und Behörden und die interessierte Bevölkerung richtet. "Fast 600 Teilnehmer aus ganz Österreich, Deutschland und Italien werden erwartet", so der Tiroler Kriseninterventions-Sprecher Christian Schönherr gegenüber der APA.
Welchen psychischen Belastungen mitunter die Helfer ausgesetzt sind, haben der Notfallpsychologe Gernot Brauchle und Petra Steiner in einer Studie über posttraumatische Belastungsstörungen bei freiwilligen Rettungssanitätern nachgewiesen. Von 85 Befragten gaben 53 an, zumindest einen Einsatz als traumatisch erlebt zu haben. Besonders der erste Einsatz, bei dem ein Patient stirbt, die Konfrontation mit toten oder verletzten Kindern und Jugendlichen, eine Vielzahl an Opfern sowie die Bekanntschaft mit Opfern oder deren Angehörigen werden als außerordentliche Belastung empfunden.
Nur bei rund der Hälfte der 53 Sanitäter waren keine Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung nachweisbar. Den anderen machte vor allem das so genannte Wiedererleben zu schaffen. "Dabei erleben Helfer Gefühle der Hilf- und Machtlosigkeit. Sie machen sich Vorwürfe, nicht alles in ihrer Macht stehende getan zu haben, um zu helfen", so die Studienautoren.
Mit den Auswirkungen von Stress- und Belastungsreaktionen nach schwierigen Einsätzen haben sich auch die Psychologen Barbara Juen und Manfred Krampl auseinander gesetzt. Sie haben dazu österreichweit 597 ausschließlich männliche Einsatzkräfte von Rettung, Feuerwehr und Exekutive befragt. Bei jedem Zehnten zeigte sich eine akute oder chronische Belastungsstörung. Bei immerhin 37,9 Prozent war eine Beeinträchtigung - eine so genannte subsyndromale Belastungsstörung - nachweisbar.
Für die Wissenschafter eine gefährliche Entwicklung, denn diese Belastungen erzeugen chronischen Stress, der wiederum diese verstärken kann: "Ein vorhandener chronischer Stress verstärkt Traumareaktionen, und Traumareaktionen erzeugen chronischen Stress."
Zugleich sehen Juen und Krampl darin aber auch eine Chance: "Wenn von Seiten der Organisation, des sozialen Umfeldes und des Betroffenen selbst aktiv daran gearbeitet wird, die einzelnen Bereiche des chronischen Stresses - Arbeitsunzufriedenheit, Arbeitsüberlastung, belastende Erinnerungen, fehlende Anerkennung, Sorgen - zu verringern, müsste es damit auch möglich sein, die zusätzlichen Auswirkungen zu reduzieren und somit die Lebensqualität der Betroffenen wieder zu verbessern."
( S E R V I C E - Kriseninterventions-Tage 2005, vom 23. bis zum 25. September in Innsbruck. Weitere Informationen unter
http://tagung.roteskreuz-innsbruck.at/. Zur Tagung ist im Studia Universitätsverlag das Buch "Belastungen und Stressverarbeitung bei Einsatzkräften. Aktuelle Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe Notfallpsychologie der Universität Innsbruck", ISBN 3-901502-72-6 erschienen)
[
zurück]