Als Debriefing kann eine umfassende Besprechung in der Gruppe bezeichnet werden, welche die Linderung oder Auflösung von psychischen Belastungen nach traumatischen Ereignissen zum Ziel hat. Die Besprechung wird von einer psychosozialen Fachkraft geleitet, unterstützt von mindestens einem Peer. Im Prinzip ist das Debriefing eine Weiterführung des Defusings.
Da Belastungsreaktionen, insofern welche auftreten, bei Einsatzkräfte meist erst nach 24 Stunden bemerkbar sind und sie somit erst dann genauer beschrieben werden können, sollte das Debriefing frühestens nach 24 bis 72 Stunden durchgeführt werden. Ein Debriefing taucht viel tiefer in den emotionalen Bereich ein und kann z.B. nach jedem größeren belastenden Ereignis aber erst dann durchgeführt werden, wenn die Einsatzkraft bereit dafür ist und dies wünscht.
In der folgenden Aufzählung können Hinweise während eines Defusings entnommen werden, welche für die Notwendigkeit der Durchführung eines Debriefings sprechen:
- Fehlen von Emotionen
- Zu viel Schweigen
- Unangemessene Emotionen (Witze oder Lachen während des Defusings)
- Versteckte Probleme (es wird mit etwas Wichtigem hinter dem Berg gehalten)
- Unabgeschlossene Dinge (nicht alle durchlaufen alle Phasen, z.B. es wird in der Abschlussphase wieder vom Einsatz zu erzählen angefangen)
- Zu viel Emotionalität
Das Debriefing darf nie am Einsatzort, sondern muss nach Abschluss des Einsatzes oder einer ersten längeren Ruhephase in einem ruhigen, störungsfreien (keine Handys, Funkgeräte, usw.), entsprechend klimatisierten Raum stattfinden, welcher der Gruppengröße (normalerweise zwischen vier und 20 Teilnehmer) angepasst ist.
Eine mögliche Sitzordnung kann Abbildung 13 entnommen werden. Je nach Anzahl der Teilnehmer und zur Verfügung stehenden Peers sind die Positionen so zu wählen, dass die psychosoziale Fachkraft und die Peers gut verteilt Platz nehmen. Idealerweise nimmt ein weiterer Peer die Funktion eines "Doorkeepers" ein. Dieser begleitet Personen, welche das Debriefing verlassen wollen und versucht sie wieder zur Teilnahme zu ermutigen. Auch besteht die Möglichkeit, dass ein Peer vor der Türe seinen Platz einnimmt, um darauf Acht zu geben, dass niemand von außen das Debriefing stört (z.B. Presse oder Personen, welche nicht am Einsatz teilgenommen haben).
Das Debriefing hat einen fixen Verlauf, welcher streng eingehalten werden sollte und beinhaltet sieben Phasen. Im Zuge der Intervention wird massiv in den emotionalen Bereich "eingetaucht". Es sollte darauf geachtet werden, dass alle Phasen Schritt für Schritt von allen Einsatzkräften gleichermaßen durchgearbeitet werden. "Man steigt strukturiert über die Faktenebene ein, geht dann über die Gedanken zu den Emotionen, dann über die Symptome wieder zu den Informationen und schließlich geordnet wieder in den Abschluss über. Es geht darum, Sicherheit und Struktur zu vermitteln und nicht darum hochemotionale Selbsterfahrung zu betreiben" (Hötzendorfer et. al., 2002).
Im Folgenden werden die sieben Phasen des Debriefings kurz beschrieben:
- Einführung:
In dieser Phase stellt ein Peer sich und die psychosoziale Fachkraft vor und benennt den Grund, den Ablauf sowie die Ziele des Debriefings. Ebenfalls werden gemeinsam Regeln festgelegt. - Fakten
Die Einsatzkräfte werden ohne Zwang der Reihe nach nach ihrem Namen, ihrer Funktion und Tätigkeit im Einsatz, sowie den Tatsachen des Ereignisses gefragt. Einerseits bekommen nun die Einsatzkräfte einen überblick über das Ereignis, andererseits hilft dies auch der psychosozialen Fachkraft und den Peers ein aussagekräftiges Gesamtbild zu erhalten. - Gedanken
Die Gedankenphase beginnt mit der Aufforderung, die ersten Gedanken bei der Alarmierung, die Gedanken beim Eintreffen am Einsatzort oder während des Einsatzes (etwa beim Unterbrechen eines automatischen Handlungsablaufes) zu nennen. Mit dieser Phase wird der Übergang zur emotionalen Ebene der Einsatzkräfte eingeleitet. Erste Gefühle treten hervor. - Reaktionen
In dieser Phase werden die Einsatzkräfte in beliebiger (freiwilliger) Reihenfolge nach dem belastendsten Moment während des Einsatzes gefragt. Diese Phase kann sehr träge und stockend beginnen und einige werden mit ihren Gefühlen ringen. "Es wird dabei versucht, den Einsatzkräften einen kontrollierten Ausdruck ihrer Emotionen zu ermöglichen" (Hötzendorfer et. al., 2002). Es werden sich immer mehr Einsatzkräfte zu Wort melden, aber trotzdem sollte diese Phase nicht l?nger als ca. 10 bis 40 Minuten dauern. Bei Bedarf wird auf die Möglichkeit von vertiefenden Einzelgesprächen verwiesen. - Auswirkungen
Hier werden die Einsatzkräfte nach ihren Reaktionen seit dem belastenden Ereignis gefragt, ob sich für sie seither etwas geändert hat, ob sie Probleme haben oder ob sie an sich Veränderungen auf psychischer, physischer, emotionaler sowie kognitiver Ebene bemerkt haben. Diese Phase sollte die Einsatzkräfte wieder langsam auf eine sachliche Ebene zurückführen. Auch können von den Peers oder von der psychosozialen Fachkraft Symptome aufgezählt werden. - Informationen
Diese Phase soll den Einsatzkräften einen Überblick über mögliche Belastungsreaktionen und deren zeitlichen Verlauf geben. Ebenfalls werden sie darauf hingewiesen, dass diese normal sind (normale Reaktion auf eine abnormale Situation). Techniken der Bewältigung (Ernährung, Sport, Gespräche, usw.) werden aufgezeigt und deren Individualität besprochen. Auch auf negative Bewältigungsstrategien sollte hingewiesen werden. - Abschluss
Zum Abschluss fasst die psychosoziale Fachkraft den Verlauf des Debriefings zusammen und erkundigt sich nach noch offenen Fragen der Einsatzkräfte. Die Möglichkeit von Einzelgesprächen sowie von weiterer Verfügbarkeit der Peers wird angeboten. Informationsbroschüren, deren Inhalt die häufigsten Stressreaktionen aufzeigt, werden ausgeteilt.
Mit einer geselligen Runde mit Speis und Trank wird das Debriefing beendet.