Eine wichtige SvE-Maßnahme ist die Einzelberatung, oder mit anderen Worten, das Einzelgespräch nach dem SAFE-R-Modell , welches von G. Everly über einen Zeitraum von fünf Jahren speziell zur psychologischen Versorgung von Einsatzkräften entwickelt wurde.
Dieser SvE-Maßnahme wird deshalb großer Bedeutung beigemessen, da es Beteiligte nach belastenden Einsätzen gibt, welche gar nicht, weniger oder auch anders reagieren als andere. Das SAFE-R-Modell ist ein individuelles Einzelgespräch, im Idealfall mit einem Peer, anderenfalls mit einer psychosozialen Fachkraft und erfordert im Besonderen, so wie es in Mitchell und Everly (1998) formuliert wird, gute "Kommunikationsfähigkeit" (Mitchell und Everly, 1998, S. 88). Das Einzelgespräch nach dem SAFE-R-Modell läuft in fünf Phasen ab. Im Folgenden werden die Phasen kurz beschrieben:
- Stabilisieren und Struktur geben (Stabilization of the situation):
Noch vor der Intervention wird vom Peer eine passende, störungsfreie Räumlichkeit gesucht. Zu Beginn des Gesprächs stellt sich der Peer oder die psychosoziale Fachkraft vor und erläutert den Ablauf des Gesprächs.
Es soll an dieser Stelle vermieden werden, die Gefühle der Einsatzkraft anzusprechen - einzig um die Fakten des Einsatzes geht es in dieser Phase. Dabei wird die Einsatzkraft direkt auf den Vorfall und auf ihre Tätigkeiten beim Einsatz angesprochen. Gute Einstiegsfragen sind z.B. "Was ist passiert?" oder "Was hast du beim Einsatz gemacht?". Es wird damit versucht, die betroffene Einsatzkraft zunächst emotional vom belastenden Ereignis wegzuführen.
- Exploration und Anerkennen (Assess and acknowledge):
Durch Fördern des Gesprächs wird nun versucht, den belastendsten Moment des Einsatzes zu eruieren. Auch hier gilt zunächst primär das Erfragen der Fakten und nicht der Gefühle. Durch dieses indirekte Erfragen der Belastung ist es für den Peer möglich, für sich selbst eine Hypothese über das belastende Ereignis zu entwickeln. Dabei hilft die eigene Erfahrung des Peers, der Belastung näher zu kommen, was letztendlich einer der Gründe ist, das Einzelgespräch von Peers durchführen zu lassen. So wird versucht, durch ständiges Nachfragen an die stärkste Belastung heranzukommen. Wenn dies einmal klar ist, lässt sich der Peer die Gedanken und Gefühle während des Einsatzes erklären.
- Erleichtern von Verstehen und Durcharbeiten (Facilitate understanding and emotional processing):
In dieser Phase werden als erstes die Stressreaktionen der Einsatzkraft nach dem belastenden Einsatz erfragt, welche dann allerdings vom Peer durch Erklärung der Verläufe normalisiert werden. Es muss dabei ersichtlich werden, dass es sich um eine "normale Reaktion (handelt), die man von normalen und gesunden Menschen als Folge einer unnormalen, herausfordernden Situation, einer Krisensituation erwartet" (Mitchell und Everly, 1998, S. 86). Es wird versucht, die Reaktionen als normal und von einer sachlichen Ebene aus zu betrachten.
- Ermutigung von Handlungen und positiven Bewältigungsversuchen (Encourage action and use of ressources):
Bisher war die Rolle des Peer eine vorwiegend passive (Zuhören), ab nun ist seine Aufgabe eine aktive - wir gelangen nun von der Explorationsphase zur Interventionsphase. Grundlegende Informationen über Belastungsreaktionen und deren Bewältigung werden der Einsatzkraft vermittelt. Gemeinsam werden mögliche Bewältigungsstrategien gegen die Stressreaktionen erarbeitet.
- Wiederermächtigen oder Weitervermittlung (Recovery or referral): Ob die Einsatzkraft mit der Belastung klar kommt oder ob weitere Interventionen (Weitervermittlung) notwendig sind, wird in dieser Phase entschieden. Unabhängig davon wird der Einsatzkraft ständige Erreichbarkeit garantiert und ein zweiter Termin zwei Wochen später vereinbart.
Beispiele von Kriterien zur Weitervermittlung an eine psychosoziale Fachkraft können überblicksmäßig folgender Aufzählung entnommen werden:
- Vermeidungsverhalten, Unterlassungs- und Delegationshandlungen während des Dienstes
- Suizidalität
- Verlust der Fähigkeit, den Berufsjargon kontextabhängig einzusetzen
- Massive Belastungsreaktionen (Akute Belastungsstörung)
- Verlust der Fähigkeit, Schutzmechanismen wieder aufzubauen oder neue zu entwickeln
- Fixierung auf destruktive Bewältigungsstrategien (z.B. Alkohol- und Drogenmissbrauch)
- Unveränderte Symptome beim zweiten Gespräch