Kurier, Nr.288, Chronik, 17.10.2002

Erste Hilfe für die Seele: Brandmauer 2002

Kongress und einzigartige Übung für Krisenintervention in Innsbruck / Tiroler Teams im Dauereinsatz

von Christine Tschenett

 

Unfassbare Tragödien: Ein junges Leben wird bei einem schrecklichen Verkehrsunfall ausgelöscht, ein Baby stirbt völlig unerwartet, ein Freund nimmt sich das Leben. Zurück bleiben die verzweifelten Angehörigen in ihrem Schmerz, ihrer Trauer und Wut - aber auch Einsatzkräfte, die um das Leben eines Opfers gekämpft haben, die eine Leiche bergen oder die furchtbare Nachricht an Hinterbliebene überbringen mussten. Diesen Betroffenen stehen die über 100 Mitarbeiter der Tiroler "SVE/Kriseninterventions-Einheit" in den schweren Stunden nach einem Unglück hilfreich zur Seite.

 

Das Rot-Kreuz-Team mit dem etwas sperrigen Namen hat sich der Krisenintervention verschrieben. Kommendes Wochenende findet nun in Innsbruck ein Kongress mit hochkarätigen Referenten und die erste Kriseninterventions-Übung überhaupt statt. "Es haben sich über 110 Teilnehmer - darunter Gruppen aus Niederösterreich und Südtirol - angemeldet", berichtet der Leiter des noch jungen Tiroler Teams, Thomas Beck. Seine Crew umfasst mehr als 100 Mitarbeiter aus den verschiedensten Disziplinen: Sanitäter, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter und Theologen - die aber eines gemeinsam haben: Sie stehen rund um die Uhr in Alarmbereitschaft und versehen die psychologischen Hilfeleistungen freiwillig und natürlich kostenlos.

 

Gegründet wurde die Einheit nach der Lawinenkatastrophe von Galtür. Zusammen mit der Arbeitsgruppe Notfallpsychologie, die bereits 1996 an der Universität Innsbruck entstand war, beschlossen einige Rot-Kreuz-Mitarbeiter ein Team für die psychologische Betreuung von Opfern, Angehörigen und Einsatzkräften zu formen. SVE steht dabei für "Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen". Bis März 2000 wurden die Freiwilligen umfassend geschult. "Mittlerweile gibt es in allen Bezirken außer Schwaz ein Team", hebt Beck hervor. So ist rasche Hilfe im Notfall garantiert. Angefordert wird das Kriseninterventions-Team von den Einsatzkräften vor Ort - "und natürlich nur, wenn die Betroffenen eine Unterstützung wünschen", betont der leitende Psychologe.

 

Allein im Großraum Innsbruck und Innsbruck-Land war dies aber in den letzten zweieinhalb Jahren mehr als 200-mal der Fall. Und das nur bei Einsätzen "unter der Katastrophenschwelle". Zusätzlich waren die Helfer auch bei Großschadensereignissen - wie dem Bergiselunglück, der Jamtal-Lawine, der Kaprun-Katastrophe und dem Busunfall in Vomp - im Einsatz.

 

Das koordinierte, strukturelle Vorgehen bei derartigen Tragödien mit vielen Betroffenen und quälender Ungewissheit soll Samstag bei der Übung "Brandmauer 2002" trainiert werden. Zuvor gibt es Vorträge und Workshops mit Fallbesprechungen.

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